Wir haben wieder in den Archiven gekramt und sind dabei auf die Publikation „Gregorius Brennessel“ gestoßen. „Gregorius Brennessel“ stellte in den 1980ern wohl so etwas wie ein, vermutlich privates, Verlautbarungsorgan „kritischer“ PolizistInnen in Neuss dar. So weit, so schlecht.
In diese Zeit fällt auch die „Anmerkung einiger eingesetzter Kollegen“ bezüglich der Neusser Chaostage vor dem Rathaus auf dem Hansafest 1989. Wir möchten Euch dieses wertvolle Zeitdokument nicht vorenthalten…

Polizeilicher Einsatz (!?) anlässlich des Neusser Hansafestes oder des Punkertreffens

Zu Beginn des Nachtdienstes wurde vom Spätdienst übergeben, dass sich ca. 100 Punker vor dem Rathaus versammelt hätten – sie wären friedlich.

Bei der ersten ´streifenmäßigen´ Überwachung konnte man schon feststellen, daß der Rathausvorplatz von diesen Punkern total ´versaut´ war. Kurze Zeit später wurde die erste strafbare Handlung durch die Punker beobachtet. Während der Durchführung der Maßnahmen (Personalienfeststellung) kam es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit den Punkern, die mit Bierflaschen und Glasaschenbechern bewaffnet waren.
Fazit des Einsatzes: 1 verletzter Kollege, Gefangenenbefreiung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, und letztendlich Abzug der eingesetzten Kollegen, um es nicht zu weitaus schwerwiegenderen Auseinandersetzungen kommen zu lassen.
Es wurden Einsatzkräfte aus dem gesamten Kreis zusammengezogen – auch an den folgenden Tagen während des Festes.
Von Neusser Bürgern wurde man angesprochen, warum die Polizei nicht gegen die Punker vorgehen würde.
Man fand die Anpöbeleien, zerbrochenen Bierflaschen, Anbetteleien und zeitweisen Auseinandersetzungen unter den Punkern selbst als unerträglich.
Was tat die Polizei?

Polizei räumt Häuser auf der Mühlenstraße
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Molotow-Cocktails und Wurfgeschosse
Christoph Stoffels, NGZ, 24.5.1990

Hausbesetzung Neuss, 24.5.1990

Hausbesetzung Neuss, 24.5.1990

Gestern morgen kurz nach 8 Uhr. Polizeibeamte räumen das „besetzte“ Haus an der Mühlenstraße 53 und nehmen drei Männer vorübergehend fest. Sie leisten keinen Widerstand. In dem Haus finden die Beamten Molotow-Cocktails, als Wurfgeschosse präparierte Steine, eine Gaspistole sowie ein Fahrrad und Warnleuchten, die eventuell aus Diebstählen stammen.

Es ist 8.10 Uhr. 22 Polizeibeamte, zum Teil gesichert mit Schilden und Schutzkleidung, beginnen damit, die von den „Besetzern“ vermauerten Fenster an den drei zum Abriß bestimmten Häusern an der Mühlenstraße aufzubrechen. Gleichzeitig werden die „Bewohner“ aufgefordert, das Haus zu verlassen. Drei Männer – zu dieser frühen Stunde die einzigen „Besetzer“ – kommen der Aufforderung ohne Widerstand nach. Sie werden zur Feststellung der Personalien vorläufig festgenommen. Wenig später greift die Polizei einen vierten Mann im Stadtgarten auf, vermutlich wollte er zu den anderen „Besetzern“. Nach Auskunft von Polizeisprecher Jürgen Baum stammen die Männer aus Neuss und sind zwischen 19 und 22 Jahre alt, „sind aber in der einschlägigen Hausbesetzer-Szene nicht bekannt“.
Doch schienen die „Besetzer“ des Hauses auf militanten Widerstand eingerichtet. Wie die NGZ erfuhr, fanden Polizeibeamte bei der Durchsuchung der Häuser etwa zehn fertige Molotow-Cocktails, teils in Coca-Cola-, teils in Zwei-Liter-Weinflaschen mit Lunten. Außerdem lagerten in dem Haus Eisenstücke, sowie Schotter- und Pflastersteine, die vermutlich als Wurfgeschosse gedacht waren. Äxte, Vorschlaghammer, Helme sowie zwei mit Benzin oder Verdünner gefüllte Kanister sind vermutlich deutliche Zeichen, daß sich „Besetzer“ auf gewaltsamen Widerstand eingerichtet hatten. „Es wird deswegen ermittelt, aber nicht gegen die drei Festgenommenen“, so Jürgen Baum. Die Herkunft eines Fahrrades und einiger Warnleuchten muss noch geklärt werden; laut Baum besteht Diebstahlsverdacht. Die bei einem Festgenommenen gefundene Gaspistole erwies sich als „harmloses Spielzeug“.
Die Polizei war von der Eigentümerin der Häuser, dem Gemeinnützigen Neusser Bauverein, um Unterstützung gebeten worden. Der Bauverein will die Häuser Anfang kommender Woche abreißen lassen. Vorstandsvorsitzender Klaus Harnischmacher: „Hier werden 36 Eigentumswohnungen gebaut. Die alte Schmiede und das Haus Nummer 47 mit der Stuckfassade bleiben erhalten und werden darin eingebunden.“
„Wir hatten alle Herzklopfen“, berichtet eine Anwohnerin der Mühlenstraße. Ihren Namen will sie aus Angst vor Repressalien nicht nennen. Vor zehn Tagen war das erste Haus „besetzt“ worden. „Seitdem fühlen wir uns ständig bedroht, wir sind alle krank“, erzählt sie weiter. „Bis spät in die Nacht haben dort so um die 20 Leute gefeiert“, sagt eine andere, „es war schlimm“. Den Strom hatten die „Besetzer“ vermutlich aus dem Rosengarten abgezweigt.
Nach der Räumung wurden die Häuser unbewohnbar gemacht, die Dachpfannen abgedeckt, die Fenster herausgenommen, die Treppen zerschlagen. Die Polizei wird die Häuser weiter beobachten.