Euch werden wir helfen!

Am 21. August erlag Christoph Schlingensief seinem Krebsleiden. Über sein letztes Werk, die Oper „Via Intolleranza II“, schrieb Fritzi Busch in KONKRET 7/2010.

„Die spinnen, die Römer!“ Mit diesem Satz hatte Obelix im Asterix-Band „Der Kupferkessel“ verschämt die Bühne betreten und einen Eklat ausgelöst. Bis dahin hatten die dicken Römer auf den Rängen sich über das ganz auf Zuschauerbeschimpfung und Zungerausstrecken setzende moderne römische Theater köstlich amüsiert. Als aber der dicke Gallier plötzlich seine Kolonialherren samt der von ihnen ausgehaltenen Kunst in Frage stellte, war Schluß mit lustig.

In Christoph Schlingensiefs jüngst in Hamburg uraufgeführter Oper „Via Intolleranza II“ richten sich die Schauspieler aus Burkina Faso wiederholt mit der Bitte mitzusingen oder mitzuklatschen ans Publikum. Dessen Unwille erklärt sich zwar teils aus der gerechtfertigten Entscheidung gegen ein Mitschunkeln beim „Musikantenstadl“; jedoch artikuliert sich hier auch die Überzeugung, daß man vom schwarzen Mann eh nix Gescheites lernen kann.

Das sieht der Regisseur anders. Schlingensief macht Theater, Oper, Bücher und vor allem: Krach. Aber er unterscheidet sich von Tucholskys menschlichem Prototyp – „Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören“ – darin, daß er zuhört. Sein Interesse an der Welt und dem, was sein Gegenüber zu sagen hat, wird von der deutschen Unterhaltungsindustrie abgestraft: Hilf- und ratlos schaut er aus, wenn Harald Schmidt ihn mit Ressentiments niederquatscht oder wenn Angie ihn, Tilda Swinton und Henning Mankell beim Besuch im Kanzleramt nichts fragt als: „Wolln Sie noch ein Stück Kuchen?“ Der bescheidene Krachmacher und aufrichtige Aktionist ist ein gerngesehenes Opfer der Durchschnittskalkleisten der Kulturindustrie, die Adorno in seinem Aphorismus von der „Gesundheit zum Tode“ wie folgt abhandelt: „… so resultiert der Zustand, der so normal ist wie die beschädigte Gesellschaft, der er gleicht, aus einem gleichsam prähistorischen Eingriff, der die Kräfte schon bricht, ehe es zum Konflikt überhaupt kommt, und die spätere Konfliktlosigkeit reflektiert das Vorentschiedensein, den apriorischen Triumph der kollektiven Instanz, nicht die Heilung durchs Erkennen.“

Schlingensief hat über seinen Krebs ein Buch geschrieben und kitzelt damit bei den im Sinne Adornos wahrhaft Beschädigten, wie dem „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, das Dümmste und Gemeinste hervor: „Gibt es nicht eine angeborene Scham, bestimmte Dinge für sich zu behalten?“ Das hat Schlingensief nun davon, daß er sich weder zum Sterben verkrochen noch den Krebs in eine Erfolgsgeschichte umgedichtet, sondern Tod und Krankheit ungeniert auf die Bühnen des Kulturbetriebs getragen hat: von einer Spezies, die so aussieht, als triebe sie „Mimikry ans Anorganische“ (Adorno), vorgeschrieben zu bekommen, wie er mit dem eigenen Tod umzugehen hat. Denn deren Versehrtheit ist so augenscheinlich, daß jeder Hinweis aufs Kranke mit als Überlegenheit getarnter Hysterie in die Ekke gestellt wird. Ringen um Wahrheit gilt als ebenso suspekt wie der Krebs – auch, weil Schmerz und Gebrechen zwar über das Subjekt vom Markt verhängt werden, diesem jedoch nicht verfügbar sind und daher auf eine Form von Leben verweisen, deren bloße Möglichkeit von der sterilen Wirklichkeit geleugnet werden muß.

An dem Punkt, an dem das Wirkliche mit dem Wahren zusammenfällt, setzt Schlingensief an: Was tun? Wie kann Kunst den Rahmen des affirmativen Betriebs durchbrechen, wie kann sie aufräumen mit der Lüge, sie sei Wahrheit? Weil in der beschädigten Welt das narrative, kohärente, einheitliche Werk unmöglich geworden ist, setzt Schlingensief auf das, was unerfaßt und improvisiert „der Einheitsfront von Trust und Technik“ (Adorno) ausweichen kann. Er erzwingt sich Aufmerksamkeit durch Schock, dauernde Überforderung des Zuschauers, Einsatz des eigenen Körpers und Lebens.

Sein Appell ist nicht ungewöhnlich: Wir müssen unseren Blick auf Afrika ändern. Zu diesem Schluß kommt auch ein Arne Perras in der „Süddeutschen Zeitung“ anläßlich des in Marokko gedrehten und in Somalia spielenden Blockbusters „Black Hawk Down“: „Die Schauspieler sind schwarz, aber das ist schon alles. Somalier kommen nicht vor. Identitäten werden beliebig ausgetauscht. Und nichts ist demütigender, als sein Ich zu verlieren.“ Daß der Autor „Ich“ schreibt, wenn er „Wir“ meint, ist bezeichnend für eine nationalistische Rhetorik, die einem nationalen Kollektiv mit Begriffen wie Identität und Demütigung die Rechte und Bedürfnisse des Subjekts überweist. Ihn empört nicht, daß der Afrikaner nicht als Mensch erscheint, sondern daß man die Marokkaner nicht von den Somaliern scheidet. Sein im linksliberalen Provinzblatt erscheinendes „revidiertes“ Afrikabild – „bunt, vielschichtig, widersprüchlich, voller Kontraste …, tausend verstreute Welten, keine wie die andere“ – entspricht dem der Fifa, die den südafrikanischen Stadionstandort Durban als „Schmelztiegel der Kulturen“ anpreist, der „durch eine ungemeine Lebenslust“ besteche: Afrika ist exotisches Dekor und Spielplatz für europäische Selbsthilfegruppen.

Schlingensief feiert keinen „bunten“ Kontinent, sondern zeigt, wie sehr unser Afrikabild bestimmt ist von der Angst vor dem, was wir uns mühsam abgebunden haben und daher diesen „Bimbos“ schon gar nicht gönnen: ein Recht auf Genuß und auf Verfall des eigenen Körpers. Obwohl die meisten seiner schwarzen Darsteller im Vergleich mit dem weißen Personal gestählt daherkommen, spielt Schlingensief nicht den eigenen Krebs als zivilisatorische Verfallserscheinung gegen den gesunden starken schwarzen Körper aus. Der Schwarze ist weder Ausstellungsstück, ästhetisches Ideal (das wie Leni Riefenstahls Nuba-Bilder das Dargestellte erledigt und zugleich den Tod des Subjekts bzw. Brillenträgers fordert), noch eines der niedlich-bedürftigen Kinder, mit deren Konterfei Spendenorganisationen werben. Schließlich ist der erwachsene Afrikaner korrupt, brutal, ständig am „Schnackseln“ (Gloria von Tutundtatnix) und hat für den privaten Hunger gefälligst Eigenverantwortung zu übernehmen. Die Verdrängung jeder Empathie mit dem Erwachsenen ist für den Erhalt des Kapitalismus ebenso unverzichtbar wie deren residuale Abfuhr an Kinder und Delphine.

Vor der Rousseauschen Falle des edlen Wilden, in die Schlingensief ein paarmal fast tappt – er feiert afrikanische Energie und das zugehörige Körpergefühl -, rettet er sich, indem er seine schwarzen Darsteller Adorno zitieren läßt. Auch seine Kritik am europäischen Kunstbetrieb ist dort gerechtfertigt, wo sie nicht einen „europäischen Kunstkodex“ verdammt, der auf Künstlichkeit (versus Natur) setzt. Andernfalls läuft Schlingensief Gefahr, sich mit einem Spießbürgertum zu verbünden, das vom Maler den röhrenden Hirsch und tonale Musik zum Sonnenuntergang erwartet. „Eine wirklich gelungene Knopflochblume ist die einzige Verbindung von Kunst und Natur“ hatte Oscar Wilde der romantischen Volkstümlichkeit und der naturalistischen Affirmation entgegengehalten.

„Via Intolleranza II“ beginnt mit dem Vortrag einer typischen Goethe-Institut-Mitarbeiterin – einer Kulturschnepfe mit französischem Akzent und angestrengtem Make-up. Diktion und Auftreten sind sinnleer und verlogen, denn der Deal ist ja, daß alle allen ein gutes Gefühl geben, und das für schlappe 385,65 Euro Sponsorengelder, ohne die dieses ganz wichtige und interdisziplinäre Projekt ebensowenig zustande gekommen wäre wie ohne „geheucheltes Interesse „. Schlingensiefs Kritik an einer „sentimentalen Gutmenschentuerei“ hat nichts gemein mit jenem von Rassisten, Antisemiten, Homophoben etc. unternommenen Versuch, die eigene Verworfenheit zu legitimieren, indem sie Moral als verlogen und naiv diskreditieren. Die Gleichsetzung von Wahrheit und Tabubruch basiert auf dem Irrglauben, wer etwas ausspreche, sei stets ein Mutiger – und nicht in 90 Prozent der Fälle einfach ein Nazi. Schlingensiefs Kritik richtet sich gegen als Empathie verpackte Unterdrückung: „Ich versuche gerade, das Operndorf (in Burkina Faso; F. B.) zu schützen. Zu schützen? Ja, ich habe Angst, das (sic) da so viele Leute schon ihre eigenen Pläne realisiert sehen wollen, die Kulturförderung genauso wie der nette Student, der dort mal helfen will. Schon beim Begriff des Helfens bekomme ich Angst.“

“ Die Höhe der Investition in Afrika hängt von der Dividende ab. Die Aktion „Brot für die Welt“
unterscheidet sich von Siemens allein darin, daß sie den Negerjungen zum Malen zwingt. In der Erwartung von Dankbarkeit und Handgebasteltem übertrifft die Obszönität der europäischen Afrika-Hilfe noch die Alec d’Urbervilles, der in Thomas Hardys Tess verspricht, für die Seele der von ihm vergewaltigten Titelheldin zu beten. Überall aber ist das gute Gewissen zum Schnupperpreis zu haben – ob in Ditzingen („Ditzinger helfen Afrika: Insgesamt 385 Euro durch verschiedene Aktionen am Ditzinger Weihnachtsmarkt …“) oder Neckarsulm: „Die Initiative vereint 32 Städte und 32 prominente Persönlichkeiten mit einem gemeinsamen Ziel: In Afrika sollen 32 Kinder kostenfrei von hochqualifizierten Ärzten operiert werden. Die Zahl steht sinnbildlich für die 32 Fußballnationen, die an der WM teilnehmen.“

“ Wem hier geholfen wird, wird augenscheinlich angesichts eines Aufrufs der Organisation Menschen für Menschen: „Unterstützen Sie Karl-Heinz Böhm, helfen Sie Afrika!“
Hilfsbedürftig erscheint auch ein pensionierter katholischer Lehrer: „Es ist schön zu hören, was manche Menschen in ihrer Freizeit so unternehmen. Franz Wanetschek zum Beispiel verteilt Spendengelder der katholischen Kirche seiner Heimatgemeinde Fürstenstein in Tansania, Sambia, Simbabwe und Südafrika – und das auf eigene Kosten. Mit insgesamt 4.000 Euro Spendengeldern im Gepäck kam der pensionierte Lehrer Anfang März nach Afrika, um diese an verschiedene kirchliche Projekte zu übergeben.

„Schlingensief ist es zuwider, wenn vereinsamte und seelisch verwahrloste Deutsche so tun, als wollten sie irgendwem anders helfen als sich selbst – vor allem, wenn dabei finanziell nichts für die afrikanischen Seelsorger rumkommt. Er selbst zieht sich bis aufs Hemd aus – und das „Heute“-Magazin geht beflissen gegen solch aufrichtiges Engagement vor: „Daß sich der schwer krebskranke Deutsche damit vielleicht ein Denkmal setzen will, interessiert sie (die Bevölkerung Burkina Fasos; F. B.) hier nicht.

„Mit einem Wisch werden der Künstler („Du hast doch bloß Schiß vorm Tod, der Neger ist dir doch ganz egal“), sein Anliegen („Du stirbst – das ist dem Neger doch gleich!“) und die bloße Möglichkeit von Solidarität und gegenseitigem Interesse erledigt. Luigi Nonos 1961 entstandene Aktionsoper „Intolleranza“, auf die sich Schlingensief beruft, hatte noch eine revolutionäre Intention. Schlingensief selbst verfolgt immerhin noch „Heilung durchs Erkennen“ – auch wenn die Erkenntnis a bisserl deprimiert: „Dann gehe ich wieder ohne Angstgefühle aus dem Haus und kaufe mir ein Biobrot. Mehr ist doch für uns nicht mehr zu holen …“ .